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10.06.2017 Stadt gegen alle Pläne

Machbarkeitsstudie für Umgehung der B 83 in Steinbergen zeigt hohe Kosten auf / "Status quo ist vorzuziehen"

Schaumburger Zeitung / 10.6.2017

Steinbergen

Von Jakob Gokl
Einen Shitstorm will keiner: Deswegen laden Bürgermeister Thomas Priemer und alle Ratsfraktionen noch vor der Veröffentlichung der Machbarkeitsstudie für eine Ortsumgehung in Steinbergen zu einer Pressekonferenz. „Alle vorgestellten Pläne finden nicht die Zustimmung der Stadt“, schießt Priemer voraus, bekräftigendes Nicken ringsum. „Wenn diese Pläne öffentlich werden, dann gründet sich sofort noch eine dritte Bürgerinitiative“, ist sich Dieter Horn, stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender und Ortsbürgermeister von Engern, sicher.

Deswegen wollen die versammelten Politiker aller Couleur eine deutliche Botschaft an die Bürger und Bürgerinitiativen senden: „Wir machen keine Politik, in der die Bürger des einen Ortes entlastet, die in anderen Orten aber belastet werden“, so Priemer. Heinrich Sasse (WGS) möchte verhindern, dass die verschiedenen Bürgerinitiativen sich auf Basis der Machbarkeitsstudie nun „den Krieg erklären, um eine Variante durchzusetzen.“ Sowohl für CDU, SPD, WGS, Grüne und FDP ist klar: Im Vergleich zu den untersuchten Lösungen „ist der Status quo vorzuziehen“.

Jetzt sei es Sache der Straßenbaubehörde in Hameln und der Bundespolitik, andere Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln, sagt Veit Rauch (CDU).

Die Umgehungsstraße für die B 83 in Steinbergen befindet sich im vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans. 9,1 Millionen Euro sind dafür vorgesehen. Und hier ist auch schon der erste Haken: Laut der Machbarkeitsstudie kostet die günstigste Variante (Ostumgehung) mindestens 50 Millionen Euro – also glatt das Fünffache. Die West- und Südumgehung bewegen sich dann mit 70, beziehungsweise 100 Millionen Euro noch deutlich darüber.

Was eine Lösung kosten würde, die die Zustimmung der Stadt finden würde, steht noch in den Sternen. Die von Heinrich Sasse mehr scherzhaft ins Spiel gebrachte Variante à la Gotthardt-Basistunnel würde zwar alle zufriedenstellen – nicht aber Finanzminister Schäuble.

Eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität der Steinberger könnte dagegen durch die ebenfalls im vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans enthaltene Umgehungsstraße für die B 238 entstehen. Diese soll den Ort von bis zu Zweidritteln des Verkehrs entlasten (wir berichteten).

So bleibt also zunächst von der Stadt nur die klare Botschaft: Lieber keine Lösung als diese Lösungen.

Die Varianten im Detail:

Ostumgehung:
Südlich der Arensburg fädelt die Straße von der B 83 aus und wird auf einem Damm über die Arensburger Straße geführt. Es folgt eine Brücke über die Bahnstrecke Rinteln–Stadthagen und anschließend geht es entlang des Messingberges. Dort wird ein 160 Meter langer Teil als Tunnel in offener Bauweise geplant. Kostenpunkt: 50 - 60 Millionen Euro

Westumgehung:
Neue Trasse beginnt südlich der Autobahnbrücke, westlich und anschließend südlich an Steinbergen vorbei in Richtung Westendorf. Dafür sind diverse Brücken-, Trog- und Dammbauwerke zu errichten. Ein Damm hätte dabei etwa eine Höhe von bis zu 30 Meter. Kostenpunkt: 70 - 80 Millionen Euro. 

Südumgehung
:Start an der Kreuzung Konrad-Adenauer-Straße. Von dort aus geht es, teilweise in Trog- und Tunnelbauwerk, entlang der Bahnlinien in Richtung Westendorf. Zur Realisierung ist auch der Bau eines neuen Anschlusses an die B 83 notwendig. Kostenpunkt: 100 - 110 Millionen.

 

Online-Exklusiv:
Die Pressemitteilung der Stadt im Wortlaut: 

Einführung
Im Entwurf des Bundesverkehrswegeplans 2030 (BVWP 2030) sind für die Ortslage Steinbergen sowohl die Ortsumgehung der B 238 als auch der B 83 in den vordringlichen Bedarf eingestuft worden. 

Für die B 238 wurde bereits im Jahr 2011 eine Machbarkeitsstudie zur Trassenfindung durchgeführt und eine konkretisierende Planung für die befundene Variante erstellt.

Die Ortsumgehung B 83 ist nun erstmals in den vordringlichen Bedarf des BVWP 2030 eingestuft worden. Als Vorbereitung für ein anstehendes Raumordnungsverfahren (ROV) ist unter den Kriterien des BVWP 2030 und des ROV auch für diese Ortsumgehung eine Machbarkeits- oder Trassenfindungsstudie erstellt worden. Hierbei handelt es sich um eine Voruntersuchung zu dem erforderlichen Raumordnungsverfahren.

Träger der Straßenbaulast und auch Vorhabenträger für den Bau der Ortsumgehung ist die Bundesrepublik Deutschland.

Die Begründung des Vorhabens (Verkehr, Lärm, Abgase usw. im OT Steinbergen) ist allgemein bekannt und wird daher nicht näher erläutert.

Im Rahmen der Planung sind mehrere Varianten einer ortsumgehenden Führung der B 83 zwischen der Überführung der Bundesautobahn 2 (BAB A 2) im Norden und der bestehenden Trasse der B 83 im Bereich der Ortslage Deckbergen im Südosten untersucht, wobei zum Teil die Ortsumgehung Deckbergen mit einbezogen wurde, die im BVWP 2030 dem weiteren Bedarf zugeordnet ist.

Geplante Varianten
Im Rahmen der Studie sind 3 Hauptvarianten untersucht und alternative Untervarianten zusätzlich textlich erläutert worden.

Die Hauptvarianten untergliedern sich in eine Ostumgehung (Variante 1), eine Westumgehung (Variante 2) und eine Südumgehung mit Anschluss an die B 238 im Bereich der Anschlussstelle Konrad-Adenauer-Straße (L 438) in Rinteln. Die Varianten 1 und 3 erfüllen ihre Funktion nur in Kombination mit der bereits vorliegenden Studie zur OU B 238. Die Streckenlängen der untersuchten Varianten liegen zwischen 4,5 und 6,0 km (bei Variante 1 und 3 einschl OU B 238).

Aufgrund der Lage auf der Hangterrasse des Wesergebirges und der bis in den Sattel zwischen den Erhebungen Hirschkuppe und Messingberg reichenden Bebauung ist eine Ortsumgehung ohne Eingriffe in diese Berge nicht möglich. Die Eingriffe sind in Form von geböschten Einschnitten, Trogbauwerken und Tunnelbauwerken betrachtet worden. Darüber hinaus sind bei Variante 2 Geländeanpassungen mit Dammbauwerken im Wesentlichen westlich und südlich der Ortslage Steinbergen erforderlich. Gleiches gilt bei Variante 1 nördlich von Steinbergen im Bereich zwischen L 442 und B 83.

Nennenswerte Kunstbauwerke sind neben den bereits erwähnten Trog- und Tunnelbauwerken in den Berghängen noch die erforderlichen Brückenbauwerke zur Querung der Bahnstrecke Rinteln - Stadthagen (Varianten 1 und 2) und für die L 438 zur gemeinsamen Querung der DB-Strecke Löhne - Elze und der B 83 (Variante 2). Bei Variante 3 ist eine Untertunnelung im Bereich der Ortslage Engern und daran anschließend der DB-Strecke Löhne - Elze vorgesehen.

Variantenübersicht
Im Rahmen der Machbarkeitsstudie sind im Wesentlichen 3 Hauptvarianten und 2 Untervarianten betrachtet worden.

Variante 1, Ostumfahrung Steinbergen gem. BVWP 2030

Variante 2, Westumfahrung Steinbergen mit den Untervarianten 2a und 2b

Variante 3, Südumfahrung Steinbergen in Kombination mit der Ortsumgehung B 238

Die Variante 2a wurde in einer 1. Vorabstimmung ausgeschlossen, da sie zum einen gemäß § 30 BNatSchG besonders schützenswerte Biotope auf dem südexponierten Terrassenhang im Übergang zum Wesertal nahezu mittig durchschneidet und zum anderen zu dicht an dem Wohngebiet „Am Fuchsort“ von Steinbergen vorbeiführt.

Dies führte zur Trassierung der Variante 2.

Außerdem wurde die Variante 2b betrachtet, da sie durch Bündelung mit der Bahnstrecke ein geringeres Konfliktpotential auf einer Teilstrecke erwarten ließ. Die Nähe zur Ortslage Engern, bewirkt jedoch neue Betroffenheiten außerhalb von Steinbergen, welche voraussichtlich großen Widerstand der dortigen Anwohner erwarten lassen. Dies führte auch hier frühzeitig zu einem Ausschluss. 

Weitere, von Bürgerinitiativen vorgeschlagene Varianten, die noch weiter südlich bzw. östlich um Steinbergen herumgeführt werden sollten, wurden nicht weiter betrachtet, da sie einerseits den Bezug zur Ortslage Steinbergen nicht mehr gewährleisten und andererseits insbesondere bei den östlichen Varianten über den Deckberger Pass umfangreiche Baumaßnahmen im eigentlich nicht betroffenen Auetal nach sich ziehen würden.

Es gibt sicherlich viele mögliche Varianten. Man könnte auch den Verkehr direkt von Hess. Oldendorf über den Rohdener Berg durchs Auetal nach Bad Eilsen zur A 2 leiten. Ein Bezug zur „Ortsumgehung Steinbergen“ ist bei diesen Varianten jedoch nicht herzustellen.

Aus diesen Gründen sind nur die 3 Hauptvarianten einer näheren Untersuchung unterzogen worden.

Variante 1: Ostumfahrung
B 83 Steinbergen

Bei dieser Variante fädelt die B 83 südlich von Schloss Arensburg aus der B 83 in östlicher Richtung aus und durchquert bis zur Überführung der Ahrensburger Straße (L 442) ein Waldstück in Dammlage. Nach einer kurzen Dammstrecke folgt ein Brückenbauwerk über die Bahnstrecke Rinteln - Stadthagen und anschließend der Einschnitt in den Messingberg.

Hier folgt die Fahrbahn mit Abstand den Grundstücksgrenzen der anliegenden Wohnbebauung. Aus Lärmschutzgründen und zur Wahrung des Landschaftsbildes ist ein 160 m langer Teil dieser Strecke als Tunnel in offener Bauweise geplant.

Im Anschluss daran wird die Fahrbahn in einem ca. 400 m langen Abschnitt mit Dammböschungen höher 2,00 m geführt, bevor die Trasse in etwa dem Gelände folgend ohne größere Erdbauwerke auskommt. Im Abstand von etwa 110 m folgt die B 83n anschließend dem Verlauf der bisherigen Trasse bis zu dem vorhandenen Regenrückhaltebecken (RRB) in Höhe der Marktstraße. Diese wird in östliche Richtung verlängert und an die B 83n angeschlossen. Der weitere Trassenverlauf der B 83n ergibt sich aus dem anliegenden Übersichtsplan.

Prognosenetz - Variante 1
Bei der Variante 1 (östlich von Steinbergen) verteilen sich die Verkehrsströme auf die bereits geplante neue Streckenführung der B 238 und die neu geplante Streckenführung parallel zur alten Ortsdurchfahrt der B 83. Die geplante parallele Lage der B 83 führt zu einer anteiligen Verlagerung der Verkehre aus dem Ort um rd. 2/3 bedingt durch die verbesserte Fahrbeziehung. Jedoch bedingt die ortsnahe Lage der B 83n eine neue Betroffenheit für die im östlichen Bereich von Steinbergen wohnende Bevölkerung.

Variante 2: Westumfahrung
B 83 Steinbergen
 

Die Trasse der B 83 beginnt bei dieser Variante unmittelbar südlich des Autobahnviaduktes.

Sie schwenkt in südwestliche Richtung in den Hang der Hirschkuppe und dann westlich und südlich an Steinbergen vorbei in Richtung Westendorf. Auch bei dieser Variante sind diverse Brücken-, Trog- und Dammbauwerke zu errichten. Ein Dammbauwerk hätte z.B. aufgrund der vorhandenen Topographie eine Höhe von bis zu ca. 30 m, was wiederum bedeutet, dass der Dammfuß eine Breite von ca. 100 m haben muss. Alternativ dazu wäre auch eine Aufständerung der Fahrbahn möglich. 

Prognosenetz - Variante 2
Bei dieser Variante treten die größten Verlagerungen bei den Fahrbeziehungen von Rinteln nach Bad Eilsen, Rinteln nach Deckbergen und Bad Eilsen nach Deckbergen auf.

Die Fahrbeziehung von Bad Eilsen nach Deckbergen verlagert sich fast vollständig auf die neu angebotene Fahrbeziehung. Auf der B 238 werden bis zum Anschluss an die B 83n Verkehrsmengen größer 20 000 Kfz/24 h erwartet. Die B 83n wird Verkehrsmengen kleiner 20 000 Kfz/24 h aufnehmen. Die Ortslage Steinbergen wird deutlich vom Verkehr der B 83alt und B 238alt entlastet, nicht jedoch so stark wie bei der Variante 1, dafür liegt die geplante Variante im größeren Abstand zur Bebauung.

Variante 3: Südumfahrung
B 83 Steinbergen

Die Variante 3 beginnt in Rinteln am Knotenpunkt Konrad-Adenauer-Straße (L 438) mit der oben liegenden B 238. Sie führt von dort aus, teilweise in einem Trog- bzw. Tunnelbauwerk, entlang der Bahnlinie in Richtung Westendorf. Zur Realisierung dieser Variante ist auch der Bau des neuen Anschlusses an die B 83 notwendig.

Prognosenetz - Variante 3
Bei Variante 3 ist die Linienführung der B 238 deckungsgleich wie in Variante 1. Die Verlegung der B 83 entlang der von Ost nach West verlaufenden Bahntrasse trägt zu einer Entlastung der B 83alt in Steinbergen von gut 5 000 Kfz/24 h bei. Gleichzeitig trägt diese Maßnahme zur Entlastung der Hauptverkehrsstraße in Engern bei.

Die Entlastungswirkung gegenüber den Varianten 1 und 2 ist jedoch geringer, da hier eine Umwegigkeit gerade in der Fahrbeziehung von Deckbergen zur A 2 in Kauf genommen werden muss.

Kostenschätzungen

Variante 1
Diese Variante verursacht mit dem Bau der neuen B 238 Baukosten in Höhe von 50 bis 60 Millionen Euro.

Variante 2
Die Variante 2 stellt baulich die längste Variante dar und verursacht bedingt durch die Anzahl der notwendigen Bauwerke (Brücken, Dämme usw.) sehr hohe Baukosten. Diese betragen 70 bis 80 Millionen Euro einschließlich des Dammbauwerks. Wählt man anstatt eines Dammkörpers eine aufgeständerte Variante, ergeben sich allein für ein solches Bauwerk Kosten in Höhe von 23 Millionen Euro.

Variante 3
Die Kosten für diese Variante mit einem 2+1 Querschnitt betragen rund 100 bis 110 Millionen Euro. 

Umweltverträglichkeit
Durch die geplante Baumaßnahme, das bezieht sich auf alle Varianten, sind erhebliche nachteilige Umweltauswirkungen zu erwarten. Es werden Naturschutzgebiete, ein FFH-Gebiet, Landschaftsschutzgebiete, Naturdenkmale, Wasserschutzgebiete, Überschwemmungsgebiete usw. berührt. Das wiederum löst auch die Pflicht zu einer Umweltverträglichkeitsprüfung im Zuge der Planungen aus.

Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen zur Kompensation des Eingriffs sind durchzuführen.

Schalltechnische Auswirkungen
Die vorhandenen Ortsdurchfahrten im Zuge der B 83 und B 238 werden durch die geplanten Varianten deutlich entlastet.

Unabhängig davon sind aber sowohl bei den Varianten 1 und 2 aktive Schallschutzmaßnahmen erforderlich.

Lediglich bei Variante 3 sind keine weiteren Maßnahmen notwendig, da bei dieser Variante das Trogbauwerk eingehaust wird.

Verkehrliche Beurteilung
Sowohl die Variante 1 als auch die Variante 3 lösen die innerörtlichen Probleme in Steinbergen nur zum Teil. Die Variante 2 weist im Bezug auf die Netzfunktion den höchsten Wirkungsgrad aus. Dies insbesondere durch die Schaffung eines neuen Netzknotens zwischen der B 238 und der B 83.

Zusammenfassung
Die Untersuchung ergibt hinsichtlich der Variantenbewertung nachfolgende Reihenfolge: Die Varianten 1 und 2 sind gleichwertig. Die Variante 3 ist weit abgeschlagen.

Ergebnis
Jede Variante weist gewisse Vorteile, aber auch Nachteile auf. Eine eindeutige Vorzugsvariante ist aus Sicht der Planer derzeit noch nicht abschließend ableitbar.

Um eine höhere Planungssicherheit zu erhalten, sind weitere verkehrstechnische Untersuchungen und die Erstellung eines Baugrundgutachtens erforderlich. Anschließend sollten die Varianten 1 und 2 vertiefend betrachtet werden, um aus diesen die Vorzugsvariante abzuleiten.

Die Variante 3 sollte zum derzeitigen Zeitpunkt nicht weiter verfolgt werden.

Zu beachten ist, dass die aufgezeigten Varianten lediglich Korridore darstellen. Diese sind in den nächsten Planungsphasen weiter zur optimalen Trasse zu entwickeln

Grafik: Stadt Rinteln
Rot die Ost-, Violett die West- und Grün die Südumfahrung. Schwarz die mögliche Ortsumfahrung der B 238.