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29.11.2016 "Ich bin noch nicht überzeugt"

8000 Euro für Grundschule führen zu unerwarteter Debatte im Schulausschuss

Schaumburger Zeitung / 29.11.2016

Rinteln

Von Marieluise Denecke
Es geht um 8000 Euro. Für Notebooks und einen Notebook-Wagen für die Grundschule Deckbergen im Jahr 2017. Diese Summe hat im Schulausschuss eine unerwartet hitzige Grundsatzdebatte um pädagogische Standpunkte ausgelöst. Klar wurde: Manche Rintelner Politiker würden es wohl am liebsten verhindern, dass die Grundschule das beantragte Geld bekommt – aus Prinzip.

„Viele Sechstklässler können kaum noch mit der Hand schreiben“, eröffnete Ralf Kirstan von der FDP in der neuen Mehrheitsgruppe die Debatte. Er ist Lehrer am Gymnasium Ernestinum und wisse dies aus eigener Erfahrung. Daher sehe er die Anschaffung der Notebooks für die Grundschüler kritisch: „Das ist der falsche Weg.“ Dadurch würden Grundschüler kaum mehr lernen, mit der Hand zu schreiben. Außerdem seien Kinder zu Hause schon umgeben mit Technik – die Grundschule sollte da ein Ruhepol sein.

Matthias Wehrung, seines Zeichens ebenfalls Lehrer und für die CDU in der neuen Mehrheitsgruppe, schlug ebenfalls in Kirstans Kerbe: Er sehe pädagogisch keinen Sinn darin, in einer Grundschule Technik einzuführen. An seiner Schule sehe er regelrechte „Abwehrreaktionen“ von Kindern, die Aufgaben vom gedruckten Blatt oder handschriftlich lösen sollten. Die Einführung von Technik wie Notebooks sei daher in höheren Schulstufen „ausreichend“.

Für diejenigen, die sich pädagogisch weiterbilden wollten, hatte Wehrung nun auch einen Lesetipp parat: den Spiegel-Beststeller „Digitale Demenz“ von Manfred Spitzer, den die Süddeutsche Zeitung in ihrer Kritik als „Polemik“ bezeichnete.

Hier versuchte Bürgermeister Thomas Priemer gegenzuhalten: Aufgabe der Verwaltung sei es nicht, einen pädagogischen Standpunkt zwischen Grundschulleitung und Gymnasiallehrern einzunehmen. Doch die 8000 Euro für Notebooks und Notebookwagen seien nun mal als Bedarf von der Schulleitung der Grundschule Deckbergen angemeldet worden. „Wir orientieren uns danach, was die Schulleitung für sinnvoll empfindet“, so Priemer.

Heiner Bartling (SPD), stimmte ihm zu – und hoffte wohl auch, einen Schlussstrich unter die Debatte ziehen zu können: „Wir sollten dem pädagogischen Urteil der Schulleitung trauen.“

Wozu braucht die Grundschule Deckbergen die Notebooks überhaupt? Im kommenden Jahr soll der Ganztagsbereich erweitert werden (siehe Bericht oben). Dem wird auch der jetzige PC-Raum zum Opfer fallen. Damit die Schüler weiterhin am Computer arbeiten können, sollen nun 15 Notebooks und ein Wagen für ihren mobilen Einsatz angeschafft werden.

„Mit einer ganzen Gruppe ist es sowieso schwierig, im Computerraum zu unterrichten“, warb Heike Schorling im Schulausschuss nochmals um Verständnis für die Investition. Schorling ist Konrektorin der Grundschule Krankenhagen-Exten und sitzt als Lehrervertreterin im Ausschuss.

Der Unterricht am Computer sei individualisiert, die Arbeit habe teilweise hohes Niveau – ein mobil einsetzbarer Laptopwagen käme diesem Unterricht zugute. Zumal Medienpädagogik auf dem Curriculum jeder Grundschule stehe und daher auch unterrichtet werden müsse.

Matthias Wehrung zeigte sich noch immer skeptisch: „Ich bin nicht überzeugt von den Laptops.“ Dies wiederum führte Heiner Bartling zu der Grundsatzüberlegung, inwiefern es überhaupt Aufgabe des Schulausschusses sei, sich in den Bedarf von Schulen einzumischen. Hier sprang ihm Christoph Ochs (Grüne) zur Seite: „Ich würde mir nicht anmaßen, das pädagogische Urteil der Schulleiter zu kritisieren.“

Thomas Priemer, merklich verwundert über diese plötzliche Grundsatzdebatte, merkte an, dass es der Stadt Rinteln als Schulträger nicht zustehe, die pädagogische Bewertung von Schulleitungen infrage zu stellen. „Wir können besprechen, welche Art von Computerbildschirmen angeschafft werden sollen, aber nicht, ob sie überhaupt angeschafft werden sollen.“

Verwaltung und Schulleitung säßen daher mehrmals pro Jahr zusammen, um den Bedarf der Schulen zu ermitteln.

Ralf Kirstan jedoch bettete die Debatte in größeren Kontext ein: „Die Stadt befindet sich in einer desolaten Finanzlage, wir sollten die Mittel nicht nach dem ,Wünsch-dir-was‘-Prinzip durchwinken.“

Protest von Heiner Bartling: Hier von einem „Wünsch-dir-was“-Prinzip zu sprechen, sei nun wirklich „gewagt“. Christoph Ochs stellte die alles entscheidende Frage: „Was will die neue Mehrheitsgruppe hier eigentlich erreichen?“ Bartlings Überlegung: „In aller Konsequenz müsste sie die Mittel für die Grundschule Deckbergen ablehnen.“

Dies stand jedoch überhaupt nicht auf der Tagesordnung. Eigentlich ging es darum, die geplanten Haushaltsansätze – und damit auch die umstrittenen 8000 Euro – lediglich zur Kenntnis zu nehmen. Dies taten die Ausschussmitglieder schließlich. Es ist jedoch zu erwarten, dass das Thema noch einmal in größerer Ausführlichkeit diskutiert wird.

Foto (dpa)
Sollten Kinder in Grundschulen vor Technik geschützt werden? Eigentlich sollte der Schulausschuss Mittel für die Grundschule Deckbergen nur zur Kenntnis nehmen – heraus kam aber eine Grundsatzdebatte.