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26.03.2013 Die Mentebuxer

Nachbarn bilden seit knapp 42 Jahren ein eigenes Dorf im Dorfe

Schaumburger Zeitung / 26.3.2013

Steinbergen

Von Philipp Killmann
In Steinbergen gibt es einen Staat im Staate, vielmehr ein Dorf im Dorfe. Eine Gemeinschaft mit eigenem Bürgermeister, eigenem Gemeindedirektor, eigenem Wappen und eigenen Ritualen; es ist eine Gemeinschaft, in die man nur unter ganz bestimmten Bedingungen aufgenommen wird. Die Rede ist von den Mentebuxern.

Buxer ist plattdeutsch, steht für Jungens und leitet sich ab von Buxe, jenen Dreiviertelhosen, in die Eltern dunnemals ihre Söhne zu stecken pflegten. Und Mente leitet sich ab von der Straße Auf der Mente in Steinbergen. Mentejungs also, Jungs, die Auf der Mente geboren beziehungsweise aufgewachsen sind – mit einem Gemeinschaftsgefühl, das offenbar besonders ausgeprägt gewesen ist und sie 1972 zur Gründung der Mentebuxer verleitete. Um eine reine Männergesellschaft handelt es sich indes nicht. Die Frauen heißen Mentefrauen, und die Kinder und Enkelkinder werden in die Mentegemeinschaft hineingeboren. So wie der zwölfjährige Tim Seelking, der zwar in der Bachstraße wohnt, aber heute bei seinen Großeltern Christa und Ernst Seelking zu Besuch ist.

Ernst Seelking ist der amtierende Bürgermeister der Mentebuxer, erkennbar an der metallenen Bürgermeisterkette, die er um den Hals trägt. In die Kette integriert sind Plaketten, in die die Namen der Bürgermeister samt Amtszeit graviert werden.

Der Bürgermeister wird allerdings nicht gewählt. Bürgermeister ist, wer der Älteste ist. Im darauf folgenden Jahr folgt der Zweitälteste und so weiter, bis es mit dem Ältesten wieder von vorne losgeht. Der erste Bürgermeister der Mentebuxer war Karl Fauth, einer der Gründer der Gemeinschaft. Schon 1972 proklamierten die Mentebuxer auf ihrem Wagen beim Steinberger Erntefest: „Es trügen nicht Spuk und böse Geister / Wir haben selbst ’nen Bürgermeister“.

Die Idee für die Mentebuxer entstand vor knapp 42 Jahren im Gasthaus „Prinzenhof“ in Steinbergen. Karl Fauth hatte damals beruflich viel außerhalb von Schaumburg zu tun. Als er mal wieder in Steinbergen war und abends mit alten Freunden am Tresen ihrer Stammkneipe stand, sagte er: „Ich geb einen aus, schließlich sind wir doch alle von der Mente!“ Noch am selben Abend wurde die Gründung der Mentebuxer gefeiert, erzählen Ernst Seelking und Karl Rinne.

Doch auch wenn die Mentebuxer einen eigenen Bürgermeister und in Person von Kurt Winkler sogar einen eigenen Gemeindedirektor haben und jede ihrer Versammlungen protokollieren, so handelt es sich nicht um einen offiziellen Verein. Vielmehr geht es den Mentebuxern darum, ihre nachbarschaftliche Gemeinschaft zu pflegen und ihre Freizeit gemeinsam zu gestalten. Aus politischen Angelegenheiten halten sich die Mentebuxer in der Regel raus. Nur einmal habe man sich für die Renovierung des alten Grenzsteins in Steinbergen eingesetzt, der einst die Grenze zwischen Schaumburg-Lippe und der Grafschaft Schaumburg markierte.

Fotoalben dokumentieren die Aktivitäten aus nunmehr fast 42 Jahren: das gemeinsame Kaffeetrinken der Mentefrauen, der Beitrag der Mentebuxer zum 50. Jubiläum der Feuerwehr Steinbergen, das Weinfest, Grillfeten, Dampferschifffahrten, Knobelabende, Geburtstagsfeiern und das Erntefest, das in Steinbergen seit 1978 gefeiert wurde. „Solange es das gab, haben wir immer feste mitgefeiert“, erzählt Christa Seelking, die Frau von Ernst Seelking. Und zum 1. Mai haben die Mentebuxer immer einen sogenannten Mentebaum neben dem Menteschild aufgestellt.

Das Schild, das nach wie vor an der Ecke Auf der Mente/Marktstraße steht, wurde 1981 von Heinrich Beißner, dem Leiter des Pflegeheims Wiesengrund (heute DRK) Auf der Mente, gesponsert. Das Schnitzwerk habe einer seiner Angestellten vorgenommen, erinnern sich Ernst Seelking und Karl Rinne. Und der damalige Ortsbürgermeister Heinrich Prasuhn habe das Schild mit den Worten genehmigt: „Ich genehmige alles, was Steinbergen schön macht!“ Allein das Dach habe in der Zwischenzeit mal ausgebessert werden müssen. Außerdem steht eine Aktualisierung des Schildes aus. Seit knapp zwei Jahren ist dort nämlich zu lesen: „40 Jahre Mentebuxer“. Auch die Treffen der Mentebuxer sind über die Jahre weniger geworden. „Heute treffen wir uns noch drei- bis viermal im Jahr“, sagt Christa Seelking. Man kommt zwar immer noch auf rund 25 Leute, der jüngste Mentebuxer ist erst zwei Jahre alt. Aber der Altersdurchschnitt sei inzwischen deutlich nach oben geschnellt. Deshalb kämen inzwischen auch durchaus Zugezogene in Betracht, bei den Mentebuxern aufgenommen zu werden, getreu dem Motto: Wenn es passt, dann passt es. „Sie nehmen erst mal an einem unserer Treffen teil, und über die Aufnahme wird dann abgestimmt“, sagt Ernst Seelking.

Foto: pr
Eine alte Aufnahme der Mentebuxer – erkennbar an den Dreiviertelhosen sowie an ihrem Wappen auf der linken Brust.