. .

25.03.2015 Früher ist lange her

Auf den Wegen der Vergangenheit: Steinberger wandern durch den Arensburger Park

Schaumburger Zeitung / 25.3.2015

Steinbergen

Von Jakob Gokl
Früher ließen sich noch junge Liebespaare auf diesen Treppen nieder. Früher strömte die gesamte Jugend nach der Schule in den Park. Früher war das Schloss noch ein Ausflugsziel. Früher, in der Arensburg – das ist für viele Steinberger eng verwoben mit der eigenen Kindheit, mit der eigenen Jugend. Doch früher, das ist lange her.

Heute sind die Wege überwuchert, die Teiche versandet, der englische Garten verwildert. Lang ist es her, dass die Steinberger ganz ungezwungen durch den Arensburger Wald spazieren konnten. Erst auf die Initiative von Karl-Martin Pacholek, der den Besitzer Dietrich von Kuenheim angesprochen hatte, konnte nun eine Gruppe Steinberger im Zuge der Aktion „Ein Dorf bewegt sich“ des TSV Steinbergen wieder die alten Wege beschreiten.

Es kamen – auch aufgrund des Zeitpunktes am frühen Nachmittag – überwiegend Menschen, die die Blüte der Arensburg noch selbst miterlebten. Entsprechend nostalgisch machte sich die Gruppe von der alten Schule aus auf den Weg. An der Arensburger Straße ging es hinein in den noch überwiegend kahlen Wald. „Früher war das noch ein richtiger Weg“, erinnert sich eine Steinbergerin, „heute sieht man ihn kaum noch.“ Nur ein alter Schlagbaum sowie ein verwittertes Hinweisschild weisen darauf hin, dass man nun das Gelände des Schlosses betritt.

„Früher gingen wir hier immer zur Badeanstalt“, erklärt Pacholek. Doch bevor die mittlerweile aufgegebene Anlage auf der nördlichen Autobahnseite erreicht wird, führt der Weg noch an einigen Teichen und Seen vorbei – mit weniger schöner Vergangenheit. „Das war der Hexenteich“, erzählt Pacholek, „hier wurden die Hexenprüfungen abgehalten. Diese Geschichten haben uns als Kinder noch wahnsinnig gegruselt.“ Im 16. und 17. Jahrhundert war Rinteln eine der Hochburgen der Hexenverfolgung, die Professoren der Rintelner Universität hatten sich als besonders unerbittliche Jäger angeblicher Hexen einen Namen gemacht. Allein zwischen 1650 und 1670 wurde mehr als 20 Frauen der Prozess gemacht.

Im englischen Garten wurden Highland-Rinder und Esel gehalten.

Nur wenige Meter weiter weisen verfallene Zäune noch auf die Versuche des exzentrischen Österreichers Heinrich Gruber hin, in dem Park, der einst auch als Gartenanlage nach englischem Vorbild angelegt worden war, Highland-Rinder und Esel zu halten. Doch schon wenige Schritte weiter liegen die alten Zäune bereits im Matsch. Um die alten Wege hat sich schon lange niemand mehr gekümmert.

Weiter geht es Richtung Autobahnbrücke, auf dem Weg, den – früher – im Sommer die Steinberger massenhaft begingen, auf dem Weg zur Badeanstalt. Bis die Steinberger schließlich unter den monumentalen Bögen der Autobahnbrücke stehen bleiben. Während oben die Lastwagen vorüberdonnern, schwelgt man unten in der Vergangenheit.

Dann geht es den geschwungenen Pfad hinauf zum Schloss. „Die Stufen waren bei Paaren immer besonders beliebt“, erinnert sich ein Steinberger, „ja, hier war es schön“, meint ein Zweiter und grinst schelmisch. Heute sind sie moosüberwuchert, doch der idyllischen Stimmung unter den Bäumen, im Schatten der Arensburg tut das keinen Abbruch. An der steilen Westwand des Schlosses geht es vorbei an den Wirtschaftsgebäuden und der Zehntscheune, neben eingeschlagenen Fenstern, bröckelndem Gemäuer und dem gegerbten Fell eines Tieres, an eine Scheune genagelt, das noch einmal die Fantasie der Steinberger anregt. Was das wohl gewesen sein mag? „Bestimmt eins von Grubers Rindern“, wird gerätselt, „ein Esel war das nicht.“

Aufgebogene Schlösser, leere Räume, bröckelnder Putz: Alles wartet darauf, dass ein finanzkräftiger Investor das Schloss aus dem Dornröschenschlaf weckt. Doch in den Erzählungen der Steinberger lebt die Arensburg schon wieder. Leicht lässt sich vorstellen, wie Dutzende Ausflugsgäste die Stufen zur Terrasse hochsteigen, auf den zahlreichen Tischen mit Sonnenschirmen Platz nehmen, sich Kaffee und Kuchen servieren lassen. Wie im Park wieder Paare an den Teichen spazieren gehen, sich im Schatten der Bäume niederlassen, wie Kinder – wenn die Eltern kurz wegsehen – auf den Tuffsteinbogen klettern, den ein Schlossherr vor langer Zeit errichten ließ. Früher halt, als man sich um die Arensburg noch gekümmert hat.

Foto: jak
Steinberger begutachten teils das erste Mal seit Jahrzehnten wieder „ihre“ Arensburg.