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21.01.2015 Weniger Verkehr - mehr Lebensqualität

Mehr als 100 Steinberger unterstützen Bürgerinitiative im Kampf für Ortsumgehungen

Schaumburger Zeitung / 21.1.2015

Steinbergen

Von Dietrich Lange
Durchgangsverkehr raus aus Steinbergen – zwei Ortsumgehungen rein in den vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans, der in diesem Jahr für ein mehr als Jahrzehnt fortgeschrieben wird. Das Interesse an diesen beiden Forderungen ist riesengroß: mehr als 100 Steinberger kamen zur Info-Veranstaltung der BIOS (Bürgerinitiative Ortsumgehungen Steinbergen) in die Gaststätte „Prinzenhof“.

Fast 30000 Kraftfahrzeuge pro Tag, darunter 4000 Schwerlaster auf zwei Bundesstraßen, das ist den Steinbergern zu viel. „Wir wehren uns!“, hat die BIOS als Devise ausgegeben und sammelt bereits fleißig Unterschriften. „Wir wollen mehr Lebensqualität für Steinbergen!“, heißt eine der Forderungen. Und dafür müsse man jetzt kämpfen, auch wenn vielleicht erst in frühestens fünf Jahren eine Ortsumgehung gebaut werden könnte, wie Bernd Hugo vom Landkreis Schaumburg mit Blick auf die langen Planungs- und Genehmigungszeiträume einräumte.

Manfred Hobein und Jens Wienecke machten als BIOS-Sprecher die Problematik deutlich und warben um größtmögliche Unterstützung der Bürger über Steinbergen hinaus – mit Unterschriften, Protestaktionen und Geldspenden.

Erst vor acht Wochen gegründet, wird BIOS im Moment von zehn Aktiven getragen. Weitere sind willkommen, vielleicht wird sogar ein Verein gegründet. Immerhin ein Info-Flyer ist schon erarbeitet, eine E-Mail-Adresse und ein Spendenkonto sind eingerichtet. Wienecke stellte das Problem in einem professionellen Vortrag in all seinen Facetten vor. Ortsbürgermeister Heiner Bartling zollte Anerkennung: „Bisher haben wir uns in Rinteln auf den bürokratischen Weg gemacht. Aber der Schwung der Bürgerinitiative ist jetzt wertvoll, damit unser Anliegen vorankommt.“ Wienecke wiederum lobte Bürgermeister Thomas Priemer, der bereits einen Brief an Wirtschaftsminister Olaf Lies geschrieben habe.

Verkehr der Region muss durch Nadelöhr

Wienecke zur Sachlage: 23367 Kfz pro Tag durch Steinbergen, der Verkehr für eine ganze Region müsse durch dieses Nadelöhr. Und in Spitzenzeiten könnten es sogar noch mehr Kfz sein. Wienecke: „In Niedersachsen wird bei 12000 Kfz pro Tag statistisch eine Umgehungsstraße gebaut, bei 9000 wird dies zumindest langfristig vorgesehen. Wir haben bisher nichts dergleichen, im Jahr aber acht Millionen Kfz. Und die Prognosen gehen in Richtung 30000 Kfz pro Tag.“ Der Lärm erreiche schon heute 71,4 Dezibel bei Asphalt, 73,4 gar bei Beton. Bei Straßenneubauten würden heute 49 (nachts) und 59 Dezibel (tagsüber) als Grenzwerte festgelegt.

Wienecke zählte die Folgen auf: Die hohe Verkehrsbelastung führe zu auffällig vielen Wildunfällen. Der Ort könne städtebaulich nicht entwickelt werden. Die hohe Feinstaubbelastung durch den Verkehr sei noch nicht einmal gemessen worden. „Steinbergen trägt die Verkehrslast der Region“, so Wienecke. „Wir wollen nicht, dass Steinbergen eines Tages wegen zu hoher Gesundheitsrisiken aufgeben wird. Das muss auch in Rinteln aufrütteln, denn wir sind doch das Eingangstor der Stadt Rinteln.“ Auch Auswärtige dürften deshalb auf den Listen unterschreiben. Wienecke gab das Ziel aus: „Wir wollen in Berlin wahrgenommen werden.“

Schon jetzt gebe es durch die beiden Bundesstraßen eine Dreiteilung des Ortes. Und es sei nicht ungefährlich, über die viel befahrenen Straßen von einem Ortsteil in den anderen zu wechseln. Wienecke forderte sogar ein Gesamtkonzept für ein lebenswerteres Steinbergen.

Doch in den Statements der Fachleute mehrten sich die Warnungen, schon jetzt zu sehr ins Detail zu gehen. Am wichtigsten sei es, erst einmal in den Bundesverkehrswegeplan zu kommen, und dann dabei in den vordringlichen Bedarf, betonten Bartling, Hugo, Jörg Schröder (Stadt Rinteln) und Uta Weiner-Kohl (Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr, Geschäftsbereich Hameln). Letztere räumte ein, dass bei einer Verkehrsbelastung wie heute auf der B238 man bei einem Neubau schon drei statt der vorhandenen zwei Spuren errichten würde.

Den Steinbergern stinkt es schon lange

In der ersten Fragerunde an die Bürger wurde deutlich, dass es den Steinbergern schon lange stinkt: Wenn man zwei Tage das Fenster öffne, seien die Gardinen schwarz. Im Garten könne man sich wegen des Krebsrisikos durch Abgase und Feinstaub kaum noch aufhalten – vom Lärm nicht zu reden.

Bartling berichtete, dass 2015 auf Bundesebene über die Fortschreibung des Bundesverkehrswegeplans entschieden werde. Das Land Niedersachsen habe eine Vorschlagsliste dorthin geschickt, die werde in Berlin nun bewertet. Dann komme die Bewertung nach Hannover zurück, das Land nehme noch mal Stellung. Doch dann könne man nicht mehr viel bewegen, habe er vom Wirtschaftsministerium erfahren. Er rief deshalb dazu auf, die Bundestagsabgeordneten aus der Region einzuschalten. „Entscheidend ist, dass Steinbergen erst mal drin ist“, so Bartling. „Was dann wie gemacht wird, dafür muss man sich später weiter einsetzen.“

Erster Stadtrat Jörg Schröder wies darauf hin, was die Stadt Rinteln schon vor zwei Jahren vorgelegt hat – eine Machbarkeitsstudie für die Ortsumgehung im Zuge der B238: „Man muss dann durch den Berg. Bei der vom Bund zu bewertenden Kosten-Nutzen-Analyse wären die Kosten für einen Tunnel bei nur zwei Kilometer Strecke extrem hoch, deshalb haben wir eine Troglösung gewählt“, so Schröder. „Und wir haben dafür Kosten von etwa 21 Millionen Euro ermittelt und schon eine recht tiefgründige Planung vorgelegt. Bürgermeister Priemer hat nun noch mal mit einem Brief nachgesetzt, denn jetzt ist die heiße Phase der Entscheidung. Jetzt arbeitet das Land an einer Prioritätenliste für Niedersachsen, und da müssen wir in der allerersten Linie drin sein. Dieser Infoabend kommt uns sehr gelegen, denn wir brauchen politische Unterstützung auf allen Ebenen.“

Erst mal geht es um die B238; die B83 sei noch nicht so weit durchgeplant. Schröder: „Aber wenn wir beide im Ort voneinander trennen können, ist für Steinbergen schon viel gewonnen.“ Weiner-Kohl ergänzte: „Das sind zwei getrennte Maßnahmen, aber beide werden aufeinander abgestimmt. Die B238 steht weiter vorn im Fokus.“ Hugo sicherte die Unterstützung des Landkreises zu. Steinbergen sei die einzige als vordringlich vorgeschlagene Maßnahme im Landkreis.

Bartling nahm besorgten Anwohnern die Angst vor der Troglösung: „Der Trog käme erst hinter einem Hügel, auf dessen anderer Seite die Wohnhäuser sind. Und Lärmschutz wird es natürlich auch geben, ebenso Klagemöglichkeiten.“

Foto: dil
Prall gefüllt ist die Gaststätte “Prinzenhof“, als die Bürgerinitiative BIOS informiert und um Unterstützung für zwei Ortsumgehungen wirbt.

INFO
Was tut BIOS als Nächstes?

(dil) Die Bürgerinitiatie BIOS will bald zu einer weiteren Infoveranstaltung einladen und plant dann auch eine Gründung als Verein. Plakate und Bannerwerbung sollten auf ihr Anliegen hinweisen. Außerdem sind weitere Info-Flyer vorgesehen, kündigte Jens Wienecke an. Und Ludwig Schöder: “Jeder kann schon jetzt ein ein Quadratmeter großes Protestschild an seinen Zaun hängen.“ Im Internet wird informiert unter www.BIOSteinbergen.de. Spenden werden erbeten auf das Konto IBAN DE39 2555 1480 0313 4315 20, BIC NOLADE21SHG bei der Sparkasse Schaumburg.