. .

19.08.2013 Die Weichensteller

Wirtschaftsministerium prüft Reaktivierung 58 stillgelegter Bahnstrecken - bei wenigen wird Realisierung klappen

Schaumburger Zeitung / 19.8.2013

Landkreis

Von Kirsten Elschner und Guido Scholl
Das niedersächsische Wirtschaftsministerium hat eine Liste mit 58 stillgelegten Bahnstrecken veröffentlicht, die für eine Reaktivierung infrage kommen. Im Landkreis Schaumburg hat es die Verbindung Rinteln-Stadthagen auf die Liste geschafft. Für die Steinhuder-Meer-Bahn oder auch die Strecke Bad Münder-Bad Nenndorf stehen die Chancen schlecht.

Die Aussicht darauf, dass die alte Bahnstrecke Rinteln-Stadthagen wieder reaktiviert werden könnte, stimmt Thomas Stübke vom Förderverein Eisenbahn Rinteln-Stadthagen äußerst positiv, schließlich ist es schon lange ein Anliegen des Vereins, dass auf der mehr als 111 Jahre alten Strecke bald wieder öffentlicher Schienenpersonenverkehr stattfindet, teilt Stübke mit.

„Das passt zu 100 Prozent“, begrüßt er die Tatsache, dass sich die Landesregierung „jetzt endlich“ dem Thema widme. Was den Kriterienkatalog für eine mögliche Reaktivierung der Strecke angeht, arbeite der Förderverein eng mit der Landesregierung zusammen. Die Wiederbelebung ist dem Verein deshalb ein großes Anliegen, „weil ich glaube, dass das die Mobilität im Landkreis“ und auch die an der Strecke liegenden Städte aufwerten würde, spricht er stellvertretend für den Verein. „Auch möchten wir der heimischen Wirtschaft erneute Gütertransporte auf der Schiene ermöglichen und damit unsere Straßen entlasten“, ist es auf der Homepage des Fördervereins zu lesen.

Die Strecke, um die es geht, ist eine rund 20 Kilometer lange einspurige Bahnstrecke, die von Rinteln an der Weser bis nach Stadthagen führt. Der Personen- und Güterverkehr wurde 1900 eröffnet. Im Jahr 1965 wurde der Personenverkehr eingestellt. Die Schienen werden heute nur noch für Sonderfahrten der Dampfeisenbahn Weserbergland sowie für Fahrten des historischen Schienenbusses an ausgewählten Tagen genutzt – „Ein wichtiger Schritt zum Überleben der Strecke“, so die Meinung des Vereins.

Der Förderverein Eisenbahn Rinteln-Stadthagen ist genau wie der Verein Dampfeisenbahn Weserbergland (DEW) Mitgesellschafter der Bückebergbahn Rinteln-Stadthagen, die Ende 2010 gegründet wurde und die Strecke gepachtet hat. Sie sorgt auch für die geschäftliche Abwicklung des Eisenbahnbetriebs. Eigentümer ist die Rinteln-Stadthagener Verkehrs-GmbH (RstV). Die Anteile an der Strecke und der dazugehörigen Infrastruktur sind bei der RstV so verteilt: Landkreis Schaumburg (50 Prozent), Rinteln (25 Prozent), Stadthagen (15,5 Prozent), Obernkirchen (9,5 Prozent).

Pressesprecher Christian Budde vom Wirtschaftsministerium macht wenig konkrete Äußerungen zu den Chancen, die die Strecke Rinteln-Stadthagen auf Reaktivierung hat. „Es handelt sich um eine von 58 Bahnstrecken, deren Reaktivierung derzeit im Gespräch ist“, sagt er. „Eine Priorisierung gibt es bewusst noch nicht, weil ein transparentes und ergebnisoffenes Verfahren angestrebt ist.“ Im Verlauf dieses Verfahrens werden 20 Projekte in die engere Auswahl genommen, wovon letztlich sechs bis acht realisiert werden, erklärt Budde.

Derzeit gehe es erst einmal darum, festzulegen, nach welchen Kriterien die Auswahl vorgenommen wird. „Kosten spielen dabei natürlich eine große Rolle, aber auch die Fahrgastzahlen.“ Grundsätzlich sagt er, dass jeder, der eine ehemalige Bahnstrecke hat, auch ein gewichtiges Argument für deren Reaktivierung hat.

Die Strecke führt von Rinteln ausgehend durch die Schaumburger Landschaft zunächst auf die Talterrasse des Wesertals hinauf, durchquert dann den Steinberger Pass und das Wesergebirge. Weiter geht es am Nordrand des Bückebergs entlang, bevor es in Richtung Stadthagen wieder bergab geht. Den höchsten Punkt der Strecke erreicht man in Obernkirchen.

Die Steinhuder-Meer-Bahn, die über rund 52 Kilometer von Wunstorf bis Uchte führt, steht nicht einmal auf der Liste des Ministeriums. Und für die Wiederaufnahme der Personenbeförderung auf der Strecke Bad Münder-Bad Nenndorf sieht es nicht gut aus. Die Trasse ist nicht mehr im Verkehrsrahmenplan enthalten, die Gleise sind größtenteils abgebrochen.

Michael Ensslen, Ratsherr der Grünen in Hülsede, macht sich seit einiger Zeit stark für den Wiederaufbau der Bahntrasse. Er ist zwar weitgehend allein auf weiter Flur, weil das Vorhaben beinahe illusorisch erscheint. Doch dass die Zugverbindung heute von großem Nutzen wäre, sieht nicht nur Ensslen so. Im Pressegespräch mit dieser Zeitung hatte Rodenbergs Samtgemeindebürgermeister, Uwe Heilmann, erst vor wenigen Wochen gesagt, es sei aus heutiger Sicht töricht gewesen, die „Süntelbahn“ abzuschaffen. Aber an den Wiederaufbau glaubt Heilmann auch nicht.

Angesichts der steigenden Zahl an Neubaugebieten in Rodenberg, Lauenau, Bad Nenndorf und auch in der Einheitsgemeinde Bad Münder würden die Fahrgastzahlen heute wohl recht beträchtlich ausfallen. Doch es existieren nur noch Relikte der einstigen Zugstrecke. Die entwidmete Trasse wurde mannigfaltig genutzt, beispielsweise als blendend frequentierter Rad- und Fußweg quer durch Bad Nenndorf bis nach Rodenberg. Ein Rückbau wäre undenkbar, die Wohnbebauung ist nah an die ehemaligen Gleise herangerückt. Das Baugebiet Grover Grenze bei Rodenberg würde durchschnitten, baute man die Gleise an alter Stelle wieder auf.

Ensslen bringt daher eine Neutrassierung ins Spiel. Diese würde auch von Lauenau bis Bad Münder ausreichen, denn von Lauenau aus könnten Pendler und Ausflügler mit dem Schnellbus weiter nach Rodenberg, Bad Nenndorf und Haste gelangen. Ensslens Visionen gehen noch weiter: In Haste könnte eine Mobilitätsdrehscheibe entstehen, an der Elektrofahrräder und Autos vermietet werden. „Car-Sharing“ wäre eine weitere Option.

Die Realität sieht anders aus: Christian Budde, Pressesprecher des Wirtschaftsministeriums in Hannover, räumt dem Projekt nur klitzekleine Chancen ein. Denn die Kosten spielen eine Hauptrolle, und eine Neutrassierung kostet einiges an Geld. Auch die Grünen-Bundestagsabgeordnete Katja Keul bewertet das so. Immerhin: Die 58er-Liste mit den bereits ins Auge gefassten Projekten ist laut Budde nicht abgeschlossen, weitere Anträge seien noch möglich.

Die 1904 eröffnete „Süntelbahn“-Strecke war 22,4 Kilometer lang. 1968 wurde der Personenverkehr darauf eingestellt, weil zu wenige Passagiere mit den Zügen reisten. Die endgültige Abschiedsfahrt folgte 1988, 1989 begann der Abbau der Gleise.

Foto: rg
Touristenattraktion: Die Strecke Rinteln-Stadthagen wird heute nur noch für Sonderfahrten mit historischen Züge genutzt.