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18.10.2016 Bezaubernde Orte

Der Schnatgang führt die Westendorfer zur Gemarkung Steinbergen und in den Norden

Schaumburger Zeitung / 18.10.2016

Westendorf

Von Frank Westermann
Nikolaus Lenau, der spätromantische österreichische Schriftsteller hat einst ein Gedicht geschrieben, einen kleinen Vierzeiler, der davon handelt, wie Liebende, die weinend mussten scheiden, sich nach langer Zeit wieder treffen – und sich zu küssen vergessen, weil der Ort, der Treffpunkt, so schön ist, so bezaubernd.

Wüsste man es nicht besser, würde man auf einen Fleck hoch oben über Westendorf tippen, unterhalb der Unabhängigkeitsstraße, wo eine wunderschöne Bank steht und eine Himmelsschaukel, die sich in den Hang schmiegt: Diesen Platz könnte Lenau gemeint haben; das halbe Weserbergland liegt dem Wanderer zu Füßen.

Die Dorfgemeinschaft Westendorf hat zur dritten Grenzbegehung geladen, zum Schnatgang, und dieses Mal wollen die Teilnehmer die westliche Grenze zur Gemarkung Steinbergen und ein Teilstück der nördlichen Grenze begehen. Lothar Kremser und Hans Hermann Klingenberg geben die notwendigen Erklärungen.

Wobei die Grenzbegehung natürlich auf den nahen Wegen erfolgt, nicht auf den Grenzen selbst, das wäre wohl ein bisschen zu aufwendig, weil es dann oftmals über das Ackerland gehen würde. Oder durch lichte Wälder: Erlen zur Linken, eine Sandkuhle zur Rechten bis 1950 wurde im südlichen Bereich der Schwedenschanze Sand abgebaut, und wenn der Sand nichts mehr hergab, wurden die Kuhlen oft mit Schutt gefüllt; so war es halt von 30, 40 Jahren, als Umweltschutz noch ein Zukunftsprojekt war. Dann geht es weiter, nach oben, wo Kremser ein Panoramabild ausgelegt hat: Von der Porta bis zum Messingsberg ist die Landschaft zu sehen, mit all ihren Hügeln, Jacobsberg, Königsberg, Wülpker Egge, Papenbrink, die Lange Wand: Schön ist es hier.

Das ist ja auch ein Punkt, der beim Schnatgang immer Sinn macht: Man versichert sich seiner schönen Umgebung und seines Wohnraums, und man trifft auch noch Menschen, mit denen man sofort ins Gespräch kommen kann, das Thema liegt ja auf der Hand.

Westendorf war einst ein Bauerndorf, und der Name ist schnell erklärt: Die Kirche in Deckbergen bildete den sozialen Mittelpunkt der Umgebung, und Westendorf lag westlich von ihr, womit auch geklärt sein dürfte, warum nach Deckbergen in Richtung Hameln ein Ort namens Ostendorf folgte.

Dann geht es über die Unabhängigkeitsstraße, die 1835 angelegt wurde, um den schaumburg-lippischen Zoll in Steinbergen zu umgehen, in den Wald. Gleich am Anfang liegen diverse blaue und gut gefüllte Müllsäcke, ehe Klingenberg vor drei wirklich mächtigen Buchen stehen bleibt: „Ein historischer Ort“, sagt er, denn hinter den Buchen schlängelt sich einer von drei Wegen den Hang hinauf. Es sind ehemalige Hohlwege, Karrenwege, die einst zu den längst stillgelegten Steinbrüchen führten. Die schweren Wagenräder sanken in den Hohlwegen ein, tiefe Kerben bildeten sich. Und wenn ein Hohlweg allzu schlammig war, nahm man einfach einen anderen oder fuhr daneben eine neue Spur.

Anschließend geht es bergab ins Dorf, in die Lustgartenstraße, die ihren Namen erhielt, weil hier immer das Bierfass beim Erntefest angestochen und getanzt wurde. Klingenberg erzählt noch von einem Feuerlöschteich, der einst zur Linken lag, er hat dort als Kind noch Molche gefangen, und auf der Bank am Flaschenbaum wird eine letzte Rast eingelegt. Ein knappes Dutzend Kühe und 15,16 Schnatgänger schauen sich hier einen Moment in die Augen, dann geht jeder wieder seines Weges.

Kurzum: Schöne Sache, das alles.

Foto: rnk
So war das einst: Das Bild oben links zeigt den Eingang zu einem Hohlweg, darunter ist ein Fahrrad zu sehen, das in einen Baum eingewachsen ist. Und unten rechts ist sichtbar, was niemand in der Natur vorfinden möchte.