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18.10.2012 "Wir sind hier ja nicht bei 'Wünsch dir was'"

Rufe nach neuen Bürgerhäusern mehren sich – die Stadt sieht's gelassen, Fraktionen ziehen mit

Schaumburger Zeitung / 18.10.2012

Rinteln

(pk) Nachdem für Uchtdorf ein neues Bürgerhaus beschlossen worden ist, sind inzwischen – teils motiviert durch Empfehlungen des Sportentwicklungsplans – auch Rufe aus Möllenbeck, Krankenhagen und Steinbergen nach einem neuen Dorfgemeinschaftshaus laut geworden.

Dass sich noch weitere Ortschaften in diesen Chor einreihen, ist nicht auszuschließen. Die Verwaltung hingegen, so Erster Stadtrat Jörg Schröder, fürchtet keine „Riesenwelle“ auf sich zukommen und signalisiert der Sache gegenüber bislang durchaus Aufgeschlossenheit – sofern sich denn Trägervereine finden, die für die Unterhaltungskosten etwaiger Neubauten aufkommen. Investitionskosten scheut die Stadt – ungeachtet eines Schuldenstands (30. September) von rund 13 Millionen Euro – jedenfalls nicht. In den Fraktionen des Stadtrats wird dieser vermeintliche Trend indes unterschiedlich bewertet.

„Es ist genau das eingetreten, wovor wir (in der Diskussion um das Bürgerhaus in Uchtdorf; Anm. d. Red.) gewarnt haben: Jetzt kommen alle anderen, die einen entsprechenden Bedarf haben auch“, sagt Gert Armin Neuhäuser, Fraktionsvorsitzender der Wählergemeinschaft Schaumburg (WGS). Für die WGS sei das allerdings kein Grund, sich den Wünschen anderer Dörfer zu verschließen. Im Gegenteil. „Wir handeln nach dem Grundsatz der Gleichbehandlung“, sagt Neuhäuser. Auch auf Kosten der Steuerzahler? „Ja, denn ich sehe nicht ein, wieso Uchtdorf ein neues Bürgerhaus bekommen soll und andere Ortschaften nicht.“ Vor besagtem Grundsatz der Gleichbehandlung sollte auch bei allen anderen Dörfern dieselbe Bedingung gestellt werden: Es muss sich ein Trägerverein finden, der das Gebäude bewirtschaftet. „Allerdings handelt es sich dabei doch um eine rein formale Hürde“, befindet Neuhäuser. Er habe ja gesehen, wie lax die Voraussetzungen für so einen Trägerverein seien. „Wie tragfähig diese Vereine wirklich sind, wird man in zehn Jahren sehen.“

Einen ähnlichen Standpunkt vertritt der CDU-Fraktionsvorsitzende Thorsten Kretzer. „Wenn sich auch in anderen Dörfern Trägervereine finden und ein Bedarf für ein neues Bürgerhaus nachgewiesen wird, der nicht nur aus Absichtserklärungen wie in Uchtdorf besteht, werden wir uns solchen Wünschen nicht verschließen.“ Die CDU-Fraktion hatte im Rat mit der WGS gegen das neue Bürgerhaus in Uchtdorf gestimmt, da sie keinen Bedarf für einen Neubau erkennen konnte.

Dadurch, dass „in Uchtdorf die Messlatte sehr niedrig gelegt worden“ sei, könne man sich freilich künftigen Wünschen anderer Ortsteile nur schwerlich verweigern. „Zumal es Ortschaften gibt, die weitaus größer als Uchtdorf sind und in denen viel mehr los ist“, sagt Kretzer. Gleichwohl müsse man dabei freilich die Kosten im Auge behalten.

Die SPD-Fraktionsvorsitzende Astrid Teigeler-Tegtmeier steht den Wünschen nach neuen Dorfgemeinschaftshäusern weniger skeptisch gegenüber. „Die SPD steht hinter den Dörfern mit all ihren Einrichtungen.“ Und da es auf den Dörfern fast keine Kneipen mehr gebe, aber viele Vereine, bräuchten diese auch einen Ort, an dem sie sich treffen können. „Insofern finde ich es richtig, dass jedes Dorf ein Dorfgemeinschaftshaus hat. Ob erweitert, umgebaut oder neu, das ist egal. Es muss aber funktionsfähig sein“, sagt sie. Das Beispiel Uchtdorf zeige, dass neue Bürgerhäuser auch in Kombination mit der Feuerwehr entstehen können. Ohne Trägerverein geht es aber nicht, dieser Meinung sei man auch in der SPD. Kosten für Neubauten scheue man in der SPD dagegen nicht. „Das sind doch Kosten, die unsere Solidargemeinschaft am Laufen halten und die in Verbindung mit einem Trägerverein eine Investition in die Zukunft sind.“

Derzeit ist seitens der Verwaltung für die bestehenden Dorfgemeinschaftshäuser aller Ortsteile sowie für Ratskeller, Brückentor und Bürgerhaus ein Zuschussbedarf in Höhe von 331000 Euro für das Haushaltsjahr 2013 vorgesehen. Kosten, die wegfielen, bewirtschafteten eines Tages nur noch Trägervereine die Bürgerhäuser. Im Umkehrschluss fielen über Jahre freilich ungleich höhere Investitionskosten für Um- oder Neubauten an. Aber abgesehen von Uchtdorf sind alle angedachten Bürgerhäuser derzeit nicht mehr als Zukunftsmusik, Wünsche, die in Ortsräten geäußert wurden. „Außerdem sind wir ja nicht bei ,Wünsch’ Dir was!‘“, gibt Schröder zu bedenken. „Das A und O ist, dass es einen Trägerverein mit erkennbarem Engagement gibt. Ich glaube nicht an eine Massenbewegung und dass jetzt jede Ortschaft ein neues Bürgerhaus will. Die Leute sind oft sehr zufrieden mit dem bestehenden Angebot“, glaubt er. Spätestens bei der Frage nach einem Trägerverein werde sich schnell „die Spreu vom Weizen“ trennen. Mögliche Investitionen bereiteten der Stadt keine Kopfschmerzen. Da könne man mit Zuschüssen aus EU-Förderprogrammen zur Stärkung der örtlichen Strukturen rechnen, so Schröder.

Grünen-Fraktionsvorsitzende Ursula Helmhold war gestern zu einer Stellungnahme nicht zu erreichen.

Fotomontage: tol
Immer mehr Dörfer äußern den Wunsch, die alten Dorfgemeinschaftshäuser aufzugeben und durch neue Bürgerhäuser zu ersetzen.