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17.10.2016 Wenn Riesen backen

Landsommer-Wanderung: Zank und Zauber an Schaumburg und Paschenburg

Schaumburger Zeitung / 17.10.2016

Schaumburg

Von Frank Westermann

Der Kalender zeigt den 1. Mai 1398, vor der Schaumburg ist ein langer Tisch aufgebaut. Zwar kann Graf Otto I. nicht an der Gerichtsverhandlung teilnehmen, weil er in Gefangenschaft festgehalten wird, aber der Vogt vertritt ihn. Angeklagt ist ein junges Mädchen, hübsch, es wird als Hexe zum Tode verurteilt. In der Nacht vor ihrer Hinrichtung tobt ein Sturm, der die Linde fällt, aber morgens nimmt das Mädchen ein Lindenzweiglein und steckt es in den Boden: So wahr sie unschuldig ist, sagt sie, wird hier ein Baum grünen. Und so kam es auch: Seit Jahrhunderten wächst vor der Schaumburg nun eine Linde, die zu den schönsten des Landkreises gehört.

„Zank und Zauber an der Schaumburg“ heißt die „sagenhafte“ Wanderung zur Schaumburg und Paschenburg, die Gästeführerin Marlott Michalke im Rahmen des Landsommers anbietet; das passt gut, denn allerorten wird das 200-jährige Jubiläum der Gebrüder Grimm gefeiert.

Der Unterschied zwischen einem Märchen und einer Sage, erklärt die Gästeführerin, liegt darin, dass Sagen einen wahren Kern haben können, etwa bei der Mär um den Rattenfänger in Hameln. Aber auf jeden Fall seien es Geschichten, „die die Wirklichkeit überstiegen“, sagt Marlott Michalke, bevor gut 15 Teilnehmer sich in einer zauberhaften Landschaft aufmachen und immer wieder die Blicke in das Wesertal genießen.

Es muss einmal die Heimat von Hünen gewesen sein, erzählt die Gästeführerin, raue Gesellen, deren Größe und Kraft immens war. Wenn sie bei Regenwetter ins Tal hinunterstiegen, entstanden in ihren Fußeindrücken Pfützen so groß wie Teiche. Eigentlich kamen sie gut miteinander aus, sie haben sogar zusammen Brot gebacken. Aber als es eines Tages zwischen zweien dieser Riesen zum Streit kam – wegen eines schnöden Missverständnisses –, warf der eine dem anderen den angesetzten Brotteil wütend vor die Füße – so entstand der Nesselberg, erzählt Marlott Michalke.

Natürlich: Diese Geschichten erzählt man sich seit Jahrtausenden in der ganzen Welt, schon Homer berichtete in der Odyssee vom Zyklopen Polyphem, der von Odysseus überlistet wird und dabei sein Augenlicht verliert, und in der Bibel ist die tragisch verlaufende Auseinandersetzung eines Riesen namens Goliath mit einem um einiges kleineren Krieger nachzulesen.

Es sind Geschichten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden; Geschichten und Erzählungen, die jeder Erzähler ein klein bisschen verbessert, sodass sie bald rund und glatt und anmutig daherkommen wie ein geschliffener Kiesel, der ein paar Tausend Jahre von den Wellen umspielt wurde. Wie die Wichtelfrau aus der Sage von der Paschenburg: Hier lebten einst Zwerge, erzählt Marlott Michalke, und in diese Wichtelfrau verliebte sich der Graf. Täglich besuchte er sie im „Männekenloch“, einer Höhle mit einem schmalen Eingang unterhalb der Paschenburg. Am Ende wurde (fast) alles gut, der Graf von Schaumburg kehrte reumütig zu seiner Gattin zurück. Nur die hübsche Wichtelfrau war sauer: Sie prophezeite dem Adligen, dass er seine Ländereien verlieren werde, wenn er nicht bei ihr bliebe. Sie behielt das letzte Wort: Die Grafenfamilie starb einige Generationen später aus, die Grafschaft wurde unter den benachbarten Fürsten verteilt.

Die dreistündige Wanderung endet, wo sie begann: Vor der Schaumburg und vor dem Restaurant, das als Gasthaus 1444 erstmals erwähnt wurde. Besucht wird noch das Amtshaus, das eigentlich für die Öffentlichkeit nicht geöffnet ist. Im Hof zeigt sich die ganze Pracht und Schönheit des 1908 aus zwei Osnabrücker Bürgerhäusern zusammengesetzten Gebäudes.

Über die Schaumburg, sagt Marlott Michalke, gibt es kaum Unterlagen; eine Gräfin soll das Archiv einst vernichtet haben. „Es kann aber sein“, schränkt sie augenzwinkernd noch ein, „dass dies nur eine Sage ist.“

Fotos: rnk
Das Amtshaus entstand 1908 aus zwei Bürgerhäusern (großes Bild), ansonsten erzählt Marlott Michalke (untern, l.) von Wichteln und Riesen, Grafen und Liebe. Und irgendwo erinnert etwas daran, dass es nicht immer Mails waren, die Menschen sich schrieben.