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16.05.2017 Der reinste Philosophie-Club

Wandern rund um Steinbergen herum unter dem Motto "Ein Dorf bewegt sich"

Schaumburger Zeitung / 16.5.2017

Steinbergen

Von Cornelis Kurth
Nur ein einziges Mal ist, so hört man, das Wandern ausgefallen in über 30 Jahren, ein einziges Mal, als es selbst den Hartgesottenen der „Arensburger Wanderfreunde“ zu viel war mit dem ununterbrochen strömenden Regen. Wanderwart Karl Martin Pacholek allerdings wäre trotzdem losgezogen. Er könnte die Schaumburger Wanderwege wohl allesamt auch im Schlaf absolvieren.

An diesem Freitag sind es allerdings nicht die vergleichsweise jungen Wanderfreunde des TSV Steinbergen, die sich an der Grundschule zu einem Ausflug treffen – „vergleichsweise jung“ bedeutet, es sind bei ihnen auch einige Wanderer unter 70 Jahren dabei –, sondern die Senioren, die sich jeden zweiten Freitag im Monat unter dem Motto „Ein Dorf bewegt sich“ zu etwas aufmachen, das sie einen bloßen „Spaziergang“ nennen. Vier Kilometer geht es auf und ab in den frühlingsgrünen Wald rund um Steinbergen. „Früher sind wir ja ganz andere Wege gegangen“, das sagen fast alle.

Nun ja, das Durchschnittsalter der Beteiligten dürfte etwa 80 Jahre betragen. Der eine nutzt seinen Regenschirm als Spazierstock, andere nehmen dafür Nordic-Walking-Stöcke, ab und zu wird eine kleine Pause gemacht, um Nachzügler einzusammeln. Insgesamt ist es ein Spaziergang, nach dem sich auch viel jüngere Menschen befriedigt im Stuhl zurückgelehnt hätten beim Abschluss-Kaffee im „Steinberger Hof“. Die meisten Senioren-Wanderer waren auch schon bei den großen Touren dabei, an die zwanzig Kilometer durch Wald und Feld im Weserbergland, immer eine neue Strecke, denn, so sagt es der frühere Wanderwart Walter Reese: „Zweimal denselben Weg? Kommt gar nicht infrage!“

An die Stelle eines strammen Marsches tritt bei den Senioren ein gemütliches Plauder-Wandern. Je nachdem, an wessen Seite man gerade geht, spricht man über die Unendlichkeit des Weltalls und die mögliche Gesamtanzahl aller Blätter im Wald oder über den Sinn der Prügelstrafe („mal eins hinten drauf würde der heutigen Jugend auch nichts schaden“), über die Vertreibung aus Schlesien und Flucht über die Grüne Grenze nach Westdeutschland, oder darüber, ob die Zeiten sich ändern oder ob der Mensch die Zeit verändert – der reinste Philosophie-Club.

Die achtzigjährige Magdalena Lillig hat – die Hirschkuppe bergauf – manchmal schon zu kämpfen an ihren Nordic-Walking-Stöcken. „Da muss ich durch“, sagt sie. „Wenn ich hier nicht mehr mitgehe, kann ich mich gleich in den Rollstuhl setzen.“ Für medizinische Notfälle hat Wanderwart Karl Martin Pacholek ein Erste-Hilfe-Set dabei. Das braucht aber niemand. Wandern hält offensichtlich ziemlich gesund. Auch die Schönheit des Frühlingswaldes trägt zum Wohlgefühl bei: Manchmal sieht man die Rapsfelder durch den Baumbestand hindurchleuchten, der Bärlauch verbreitet seinen Duft (manche nennen es auch „Gestank“), die sich immer wieder eröffnenden Blicke ins Wesertal erinnern an Stimmungen von Tolkiens „Auenland“.

Wer sich einer dieser Senioren-Wanderungen anschließen will, kommt einfach am zweiten Freitag im Monat um 14 Uhr an die Grundschule Steinbergen; die „Arensburger Wanderfreunde“ laden jeden dritten Sonntag im Monat um 10 Uhr zum Wandern ein (am 21. Mai geht es auf in die „Rühler Schweiz“).

Auch für die Kinder ist gesorgt: Einmal im Monat wandert Karl Martin Pacholek mit Kindergarten- und Schulkindern rund um Steinbergen herum. Schließlich sollen die Wanderfreunde wieder Nachwuchs erhalten.

Foto: cok
An die Stelle eines strammen Marsches tritt bei den Senioren gemütliches Plauder-Wandern.