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15.11.2016 Gefahr für Fledermäuse

Trommelfelle reißen, Lungen verletzt / Nabu: Tiere erleiden Barotraumen durch Windkraftanlagen

Schaumburger Zeitung / 15.11.2016

Rinteln

Von Michael Werk
Bei den Diskussionen um die von dem Unternehmen Planet Energy geplante Errichtung mehrerer Windräder in Westendorf kreist, was die ablehnende Haltung der Naturschützer respektive der Ortsgruppe Rinteln des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) betrifft, bislang alles um die damit einhergehende mögliche Gefährdung von Fisch- und Seeadlern. Sollten sich diese beiden geschützten Arten (ein Seeadlerpaar brütet immerhin schon im rund vier Kilometer entfernten Wald bei Rumbeck) nämlich in der Auenlandschaft bei Hohenrode ansiedeln, bestünde das Risiko, dass die Greifvögel beim Vorbeifliegen an den Windrädern von den sich mit hoher Geschwindigkeit drehenden Rotorblättern erschlagen werden.

Diese imposanten Greifvögel sind jedoch nicht die einzigen fliegenden Tiere, für die Windräder eine Gefahr darstellen. Denn auch Fledermäuse kommen durch solche Anlagen regelmäßig zu Schaden, wobei der Begriff „Schlagopfer“ in diesem Fall anders zu definieren und der Beweis schwer zu führen ist.

Das Problem hinsichtlich der Fledermäuse sei weniger das Risiko, dass die kleinen Säugetiere beim Vorbeiflug von den großen Rotorblättern getroffen werden, erklärt die Diplom-Landschaftsökologin Sandra Meier (Echolot) GbR Minden), die sich auf die Erstellung von faunistischen und landschaftsökologischen Fachgutachten mit dem Schwerpunkt „Fledermäuse“ spezialisierte hat. Vielmehr werden die empfindlichen Tiere durch die starken Luftdruckschwankungen im Nahbereich der sich drehenden Windräder verletzt, und zwar indem ihre Trommelfelle reißen, sie Lungenverletzungen erleiden und es bei ihnen zu inneren Blutungen kommt. „Das ist Fakt!“ Im medizinischen Fachjargon spreche man hier von einem sogenannten „Barotrauma“, das die Fledermäuse erleiden.

Dabei fallen die Fledermäuse, so die Expertin, oftmals nicht sofort vom Himmel, sondern fliegen durchaus noch ein Stück weiter, bevor sie verenden. Allein dies macht es schwierig, die Todesursache etwaiger tot aufgefundener Fledermäuse einer bestimmten Windkraftanlage zuzuordnen. Hinzu kommt, dass man die kleinen Säuger überhaupt erst mal auf großer Fläche inmitten des Bodenbewuchses finden muss. Die „Schlagopfersuche“ gleiche da quasi der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen, betont Meier.

Durch Windräder gefährdet sind allerdings nicht alle hier vorkommenden Fledermausarten, führt die Diplom-Landschaftsökologin weiter aus. Jene Arten, die – weil sie an landschaftliche Strukturen wie etwa Feldgehölze gebunden sind – nur in geringer Höhe fliegen, gelangen nämlich üblicherweise nicht in den für sie riskanten Bereich der nicht selten weit mehr als einhundert Meter hohen Windkraftanlagen.

Sechs Fledermausarten indes sind in dieser Gefahrenzone unterwegs, weshalb deren Vorkommen bei einer Gutachtenerstellung im Rahmen eines entsprechenden behördlichen Genehmigungsverfahrens „windkraftrelevant“ ist. Dabei handelt es sich um den Großen Abendsegler, den Kleinabendsegler, die Breitflügelfledermaus, die Zweifarbfledermaus, die Rauhautfledermaus und die Zwergfledermaus. Wobei bei der letztgenannten Art als zusätzliche Problematik zu erwähnen ist, dass sich diese Tiere mitunter in den „Rotorspalten“ (als dort, wo die Rotorblätter im oberen Bereich des Windrades angebracht sind) verstecken und sie, wenn die Rotorblätter in Bewegung geraten, dort dann leider zerquetscht werden.

Eine Möglichkeit, die sechs genannten Fledermausarten vor den beschriebenen Rotorblattschlägen und insbesondere Barotraumen zu schützen ist nach Auskunft der Expertin, die Windräder zu den Flugzeiten der kleinen Insektenjäger abzuschalten – also in der Dämmerung und nachts, wenn diese Tiere naturgemäß aktiv sind. Voraussetzung hierfür sei eine über einen längeren Zeitraum erfolgende, mehrere Nächte einschließende Begutachtung des angedachten Windkraftanlagen-Standortes, um die dort vorkommenden Fledermausarten zu bestimmen und deren Populationsgrößen abzuschätzen. Und anhand dieser Daten könne man dann hinsichtlich der geplanten Windräder konkrete „Abschaltzeiten definieren“, die allerdings in der Praxis finanzielle Einbußen seitens des Investors/Betreibers zur Folge hätten – „das ist das Problem“.

Vom Gesetz her geschützt sind laut Meier, die sich in ihrer Freizeit im NABU-Kreisverband Minden-Lübbecke engagiert, übrigens auch alle anderen hierzulande vorkommenden Fledermausarten. Gefährdet sind diese Tiere nicht zuletzt durch den Verlust an geeigneten, störungsfreien Sommer- und Winterquartieren, Landschaftszerstörungen (etwa infolge der Intensivierung der Landwirtschaft) sowie durch den Einsatz von Spritzmitteln in der Landwirtschaft und in Gärten, der zu einer Verarmung der Insektenfauna führt, sodass die auf Insekten als Beute angewiesenen Säuger weniger zu fressen finden. Zudem nehmen die Fledermäuse mit der Nahrung auch die darin enthaltenen Giftstoffe auf, woran sie ebenfalls verenden können.

Foto: WK
Windkraftanlagen stellen nicht nur eine Gefahr für Greifvögel dar, sondern auch für mehrere Fledermausarten