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15.03.2014 In der Not steckt Potenzial

Diskussion um demografischen Wandel: Verkehrsanbindung für Eltern attraktiv

Schaumburger Zeitung / 15.3.2014

Steinbergen

(pk) Den Steinbergern stinkt so einiges. Diesen Eindruck konnte man zumindest am Donnerstagabend im Dorfgemeinschaftshaus gewinnen, wohin die Stadt Rinteln zum Ortsgespräch geladen hatte. Dabei sollte es eigentlich darum gehen, wie der einstige Luftkurort als Wohnort dem demografischen Wandel zum Trotz attraktiv bleiben kann.

Die städtische Demografiebeauftragte Linda Ruppel hatte zunächst aufgezeigt, wie es demografisch um den Rintelner Ortsteil bestellt ist: Die Bevölkerung ist, dem Trend entsprechend, seit 1997 (2071) um 276 Menschen kleiner geworden; viele Zugezogene reißen nach im Schnitt vier Jahren wieder die Zelte ab; und im Vergleich zu den anderen Ortsteilen hat Steinbergen eine hohe Zahl an Todesfällen (16 im Jahr 2013) – aber das sei auf die verhältnismäßig hohe Dichte an Altenheimen zurückzuführen. Infrastrukturell habe es in Steinbergen zwar zuletzt Einbußen gegeben (Schließung von Supermarkt, Arztpraxis und Fleischer). Aber dafür gebe es ein reges Vereins- und Kirchenleben, und auch das Dorfgemeinschaftshaus sei eine wichtige Begegnungsstätte.

Dann machten zwei Steinberger erst mal ihrem mehr oder weniger begründeten Ärger Luft, den die Demografiebeauftragte sowie die knapp 40 Besucher über sich ergehen lassen mussten. Einerseits, klagte ein älterer Besucher, hätten es die Steinberger selbst zu verschulden, dass sie keinen Lebensmittelladen mehr haben, wenn sie vorzugsweise im Discounter einkauften. Und auch dass die Vereinsangebote angeblich weniger würden, liege daran, dass die Steinberger dieselben nicht annähmen. Andererseits, wetterte Ortsratsmitglied Markus Schwenk (WGS), gegen die Stadtverwaltung, die es nicht schaffe, produzierendes Gewerbe nach Rinteln beziehungsweise Steinbergen zu locken, was in letzter Konsequenz zu Abwanderung der Bevölkerung führe. Einen Schlussstrich unter das Dampfablassen zog schließlich Ortsbürgermeister Heiner Bartling, der daran erinnerte, dass dies hier keine Wahlkampfveranstaltung sei, sondern der demografische Wandel und die daraus resultierenden Konsequenzen für Steinbergen zur Diskussion stünden.

Pastor Stephan Strottmann sieht in der Bindung der Familien an den Ort eine große Chance, Menschen in Steinbergen zu halten oder für den Ort zu gewinnen. Diese Bindung fange in Kindergarten und Schule an. Und diesbezüglich sei Steinbergen „attraktiv“, weil es „verkehrsgünstig“ liege. „Unsere Not ist eigentlich ein Pfund, mit dem wir wuchern können“, sagte er mit Blick auf die hoch frequentierten Bundesstraßen 238 und 83, die mitten durch Steinbergen führen. „Eltern können hier ihr Kind auf dem Weg zur Arbeit leicht absetzen.“ Leider seien Kindergarten und Schule restlos voll, sodass eine Familie sich unlängst sogar gegen eine Niederlassung in Steinbergen entschlossen habe. Wie also stünden die Chancen, die Plätze zu erweitern?

Annette Bissmeier, Vorsitzende des Verschönerungsvereins Steinbergen, verwies vor diesem Hintergrund auf den unbefriedigenden Umstand, dass die Kinder der Grundschule Steinbergen nach Schulschluss derzeit mit dem Taxi nach Deckbergen gebracht werden müssten, wenn sie das Ganztagsangebot nutzen wollten. Gäbe es dies auch in Steinbergen, würde nicht nur dieses Problem gelöst, sondern der Ort sowohl für Steinberger Eltern als auch für Neubürger attraktiver.

Die umtriebige Helga Gruhler (Fröhliche Rentnerrunde, Frühstück für jedermann) kritisierte die insbesondere für ältere Steinberger unzulängliche Busanbindung zur Stadt Rinteln. Taxis seien alternativ zu teuer, und das ab 18 Uhr angebotene Seniorentaxi komme für Senioren nicht in Frage, da es an der Lebensrealität der Älteren vorbeigehe. Hier verwies die Demografiebeauftragte Ruppel auf die vom Landkreis Schaumburg angedachte Mobilitätszentrale sowie auf in Nachbargemeinden bereits praktizierte Alternativen in Form sogenannter Anrufbusse. Aber das ist in Rinteln noch nicht mehr als Zukunftsmusik.

Wigand Polej, der Vorsitzende des TSV Steinbergen, plädierte für engere Kooperationen zwischen Schule und Sportverein. Heiner Bartling merkte an, dass die Schulen generell künftig stärker auf Übungsleiter der Vereine angewiesen sein werden, um ihr Nachmittagsprogramm gewährleisten zu können.

Schlussendlich war es wieder Helga Gruhler, die an diesem Abend mahnte, nicht nur zu meckern, sondern vor allem „positiv zu denken“. Noch gebe es in Steinbergen schließlich etwa einen Bäcker und einen Fleischer, der mit seinem Wagen in den Ort komme. Gegebenenfalls müssten die Steinberger eben auch mal selbst die Ärmel hochkrempeln. Und so warf Markus Schwenk die Idee in den Raum, gemeinschaftlich einen eigenen Lebensmittelladen ins Leben zu rufen. Aber auch das ist (noch) allenfalls Zukunftsmusik.

Foto: Archiv/tol
Pastor Strottmann: „Unsere Not ist eigentlich ein Pfund, mit dem wir wuchern können“, sagt er mit Blick auf das hohe Verkehrsaufkommen in Steinbergen.