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13.07.2017 Hurra, die Schule platzt!

Zuerst die gute Nachricht: Es werden wieder mehr Kinder geboren. Die Bertelsmann Stiftung aber warnt. Das Land ist nicht auf den Schülerboom vorbereitet. Tausende neue Schulen werden gebraucht - und zehntausende Lehrer

Schaumburger Zeitung / 13.7.2017

Tagesthema

Von Jan Sternberg
Das Oderbruch ist eine ruhige Landschaft zwischen der polnischen Grenze und den Seelower Höhen. Hier löst der neue deutsche Schülerboom ungeteilte Freude aus: 21 Erstklässler werden im September mit großen Schultüten, riesigen Ranzen und aufgeregten Augen an der Grundschule Kinder von Golzow in der Karl-Marx-Straße begrüßt. Zum ersten Mal seit Jahren müssen Schulleiterin Gabriela Thomas und Bürgermeister Frank Schütz nicht zittern, ob ihr 850-Einwohner-Ort genügend Anmeldungen zusammenbekommt, damit die Schule weiterleben darf. Die Kinder von Golzow sind zurück.

Noch 2015 hatte Schütz eigens drei syrische Familien in den Ort geholt, damit die Schule nicht schließen musste. Und alle waren froh. Heute sagt er: „Wir differenzieren nicht mehr zwischen Flüchtlingen und anderen. Auf die Schule gehen Kinder, die in Golzow leben. Einige sind in Frankfurt (Oder) geboren, andere in Aleppo.“ Denn inzwischen steigt auch wieder die Geburtenrate bei den Einheimischen. Die Schule im Nachbarort macht jetzt sogar zwei erste Klassen auf. Damit hatte eigentlich keiner gerechnet.

Die Vergreisung ist gebremst

Es gibt wieder mehr Kinder in Deutschland. 2030 werden es 15 Millionen sein – vom Baby bis zum Teenager. Die seit vier Jahren kontinuierlich ansteigenden Geburtenzahlen sind der Hauptgrund dafür, dass es so viele Erstklässler wie lange nicht mehr gibt. Die Vergreisung des Landes ist gebremst. Das ist erst einmal eine sehr gute Nachricht. Und so kommt sie in Oderbruch auch an: Die vom Wegzug geplagte Region schöpft Hoffnung. Und Golzows Bürgermeister Schütz hat schon die nächsten Zuwanderer im Visier: Er will Familien aus den Städten anlocken. Wer in seinem Ort eine kommunale Wohnung mietet, bekommt das Kinderzimmer mietfrei, kündigt er an. Und Platz in der Schule gibt es auch noch.

Ein gutes Werbeargument. In den Städten nämlich wird es regelrecht eng in den Klassen. Und: „Der Staat steht dem Schülerboom unvorbereitet gegenüber“, sagen die Forscher Klaus Klemm und Dirk Zorn. Sie haben im Auftrag der Bertelsmann Stiftung eine Schülerprognose errechnet – und sagen für das nächste Jahrzehnt ein beispielloses Wachstum voraus: 8,3 Millionen Kinder und Jugendliche werden voraussichtlich im Jahr 2025 in Deutschland zur Schule gehen.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) geht bisher für 2025 nur von 7,2 Millionen Schülern aus. Die Forscher warnen: „Diese offizielle Prognose ist viel zu niedrig.“ Nun kämen erhebliche Investitionen auf die Bundesländer zu, weil Zehntausende Lehrer und Klassenräume fehlten. „Mit diesem Schülerboom hat kaum jemand gerechnet. Jetzt besteht enormer Handlungsdruck. Viele Bundesländer müssen komplett umdenken“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Allein die Grundschulen bräuchten bis zum Jahr 2025 rund 25000 zusätzliche Lehrer. Zeitversetzt erreichten die starken Jahrgänge auch die weiterführenden Schulen. Dort würden 2030 zusätzlich 27000 Lehrer benötigt.

Angehenden Pädagogen stehen rosige Zeiten ins Haus. Schulbehörden in Ländern, Kreisen und Kommunen werden Neubauten in großer Zahl planen und bezahlen müssen – allein 2400 neue Grundschulen binnen acht Jahren. Es wäre eine völlige Umkehr der bisherigen Bedarfsplanung: Seit dem Jahr 2000 wurden bundesweit rund 1800 Grundschulen wegen Schülermangels geschlossen. Überproportional betraf das Landschulen in Ostdeutschland. Sie werden wahrscheinlich auch dauerhaft geschlossen bleiben. Im Osten, davon sind die Forscher überzeugt, werden die Schülerzahlen auf dem Lande langfristig wieder sinken. In den westdeutschen Flächenländern und vor allem in den drei Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen sei der Bedarf am größten. Der Schülerboom wird ein Großstadtphänomen sein.

Carsten Spallek mag gar nicht mehr vom Boom sprechen. Das Wort klingt dem Schulstadtrat von Berlin-Mitte zu harmlos für die Herausforderung, die vor ihm liegt. Der CDU-Politiker warnt: „Wir stehen vor einem Schulplatz-Tsunami, von dem wir gerade die ersten Wellen sehen. Wir müssen aufpassen, nicht überschwemmt zu werden.“ Berlin wird immer größer, allein Mitte als einer der zwölf Stadtbezirke verzeichnet einen Zuzug aus dem Bundesgebiet von 8000 Menschen pro Jahr. Parallel steigen auch hier die Geburtenzahlen.

Wir jagen die Kinder durch das System und hoffen, dass sie später klarkommen.
Ein Hortleiter aus Potsdam.

Dieses Jahr werden 16500 Erstklässler in seinem Bezirk eingeschult. Nach der hauseigenen Bedarfsprognose werden schon zum Schuljahr 2021, also in nur vier Jahren, 20300 Plätze für Erstklässler benötigt. Die Schülergeneration der 2020er-Jahre wird in Containern lernen.

Das gab`s schon mal, nach dem Babyboom der 1960er-Jahre. Jahrzehnte standen die Behelfsbauten auf den Schulhöfen. Auch heute sind Container wieder gang und gäbe. Modulare Erweiterungsbauten heißen sie in Berlin. Sie mögen hässlich sein, haben für Verantwortliche wie Spallek aber einen unschätzbaren Vorteil: Sie sind schneller verfügbar als reguläre Schulbauten. Zwei Jahre dauert es, bis ein Modulbau geplant ist und steht. Ein Schulneubau braucht in Berlin sechs bis acht Jahre Zeit.

4,7 Milliarden Euro zusätzliche Bildungsausgaben – pro Jahr – wird der Staat wohl schultern müssen, steht in der Bertelsmann-Studie. Sie versucht, den Planungsfehler zu erklären: Bislang hätten die Bildungspolitiker mit einer „demografischen Rendite“ gerechnet. Wenn die Schülerzahlen sinken, wie sie es bundesweit 15 Jahre lang getan haben, bleibt Spielraum für Qualität. Für kleinere Klassen, bessere Betreuung von Schülern aus schwierigem Umfeld, für Inklusion und Integration. Das ist vorbei. „Der Traum von der demografischen Rendite ist ausgeträumt. Jetzt gilt es, in zusätzliche Lehrer und Schulen zu investieren“, sagt Jörg Dräger, früherer Hamburger Wissenschaftssenator.

In Berlin-Mitte soll an der Chausseestraße, auf der ehemaligen Sektorengrenze zwischen Ost und West, schon dieses Jahr eine neue Grundschule entstehen. Bis ihr Haupthaus fertig ist, wird es noch dauern, vier erste Klassen aber können im September bereits in Container einziehen. Anderswo bleibt es eng. Und das geht auf Kosten der Pädagogik, räumt Spallek ganz offen ein.

Zu seinem Bezirk gehören auch „sozial herausfordernde Stadtteile“ wie Wedding, hier sprechen die meisten Schüler zu Hause kein Deutsch, hier kommen die meisten aus finanzschwachen Familien. Hier war es bisher möglich, die Klassengröße auf 22 Schüler zu begrenzen, damit sinnvoller Unterricht möglich war. „Dieses Jahr musste ich zum ersten mal vier Anträge ablehnen“, sagt Spallek, „weil einfach nicht mehr Platz zur Verfügung stand.“ Nun werden 25 Schüler in den Klassen sitzen, „was unserer pädagogischen Ansätze konterkariert“. Anderswo im Bezirk, an den besonders beliebten Schulen, gebe es sogar Klassen mit bis zu 30 Schulanfängern.

Über den Hort redet keiner

„Hauptsache, wir jagen die Kinder durch das System und hoffen, dass sie später klarkommen.“ Diese düsteren Worte sagt ein Hortleiter aus Potsdam, der nicht namentlich genannt werden möchte. Denn betroffen sind ja nicht nur die Schulen, auch die Nachmittagsbetreuung muss zulegen. Doch für den Hort sucht er schon jetzt händeringend qualifizierte Erzieherinnen und Erzieher und findet keine. „Wir haben drei Ziele: erziehen, bilden und betreuen. Was übrig bleibt, ist die reine Betreuung. Dafür brauche ich aber fachkundiges Personal. Wir hatten schon vor der großen Flüchtlingszuwanderung 2015 viele Kinder, die wir integrieren sollten. Und dann kamen weitere, herausfordernde Kinder hinzu.“

Fas 43000 neue Lehrkräfte, haben die Bertelsmann-Forscher ausgerechnet, würden bis 2030 benötigt. Von Horterziehern reden sie gar nicht erst. Torsten Heil, Sprecher der KMK, stellt eine eigene, aktuelle Vorausberechnung der Schülerzahlen für den Herbst 2018 in Aussicht. Die offiziellen Prognosen seien als Folge der Flüchtlingszuwanderung 2015 ausgesetzt worden, „bis sich die Situation wieder stabilisiert hat“. Die Studie der Bertelsmann-Stiftung mochte er inhaltlich nicht kommentieren. Im Herbst dieses Jahres wolle die KMK eine offizielle Umfrage bei den Schulträgern starten, sagte er.

Der Freistaat Bayern denkt nicht daran, so lange zu warten. Das Land hat bereits auf die wachsende Schülerschar reagiert und 2016 allein 1700 neue Lehrerstellen geschaffen. „Dadurch konnten wir die Klassenstärken landesweit halten“, sagt Ludwig Unger, Sprecher des Bildungsministeriums. In bayerischen Grundschulen sitzen offiziell nicht mehr als 22 Kinder in einer Klasse.

Nach Jahren des Kaputtsparens investiert auch Berlin nun 5,5 Milliarden Euro in neue Schulen. Doch all diese Milliarden wirken wie ein Tropfen auf den heißen Stein, findet nicht nur der Hortleiter in Potsdam: „Alles, was wir da reinstecken, wird der großen Verantwortung, die wir für unsere Kinder haben, nicht gerecht.“

Grafik Quelle
Bertelsmann Stiftung