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12.08.2014 "Das Geld schenken wir nicht Rinteln"

Wanderung auf den Pfaden vn Steinbergens großer Vergangenheit als Luftkurort

Schaumburger Zeitung / 12.8.2014

Steinbergen

Von Jakob Gokl
Es ist noch gar nicht so lange her, da ging es in Steinbergen richtig hoch her. Jeden Tag gab es die Gelegenheit zu tanzen, zu feiern und zu singen. Hotels veranstalteten Bälle und Modenschauen, Pensionen luden zum Tanzabend und die Cafés der Stadt zum Kartenspiel. Komplett ruhig wurde es hingegen nach der Mittagszeit, erinnert sich Karl-Martin Pacholek. Da durften auch die Kinder keinen Mucks machen, ging es schließlich um die Ruhe der für den Ort so wertvollen Sommerfrischler. Steinbergen als Luftkurort, auf den Spuren dieser großen Vergangenheit führte Pacholek eine Gruppe wanderlustiger Steinberger sowie einiger Gäste aus anderen Ortsteilen bei sonnigem Wetter durch den Ort und die umgebenden Wälder.

Aus Bremen, Hannover oder Hamburg kamen in der Vergangenheit die Gäste auf der Suche nach der wunderschönen Natur, der guten Luft und natürlich der Gastfreundschaft des Ortes. „Ja, früher war das der ideale Urlaubsort“, erinnert sich Pacholek, während er mit seinem Rucksack und reichlich Wasser für seine etwa 20 Gefährten den Herrmann-Opitz-Weg von Steinbergen Richtung Waldkater voranschreitet. Dieser Waldweg, das war auch für viele der alteingesessenen Steinberger neu, wurde zu Ehren des Gründers der Apfelweinkelterei „Pomona“ so benannt, der diesen Pfad regelmäßig auf dem Weg in eines der guten Steinberger Cafés zurücklegte.

Für die Wandernden bot die nahe und ferne Vergangenheit Steinbergens allerlei Gesprächsstoff. Auch für historisch gewachsene Animositäten gegenüber Rinteln war Platz. Denn nicht bei allen scheinen die Wunden der Eingemeindung ganz verheilt zu sein. Von allen weitaus positiver beurteilt wurde dagegen die Bedeutung des Luftkurortes. Denn damals, als Steinbergen noch mehr Fremdenzimmer bot, als es überhaupt Einwohner hatte, war das Freizeitangebot selbstverständlich noch etwas größer, als es heute ist.

Bis heute zeugen unter anderem sowohl das Metropol-Kino als auch das Hallenbad von Steinbergens ehemaliger Bedeutung. Wobei auch das Hallenbad, so erzählt es Pacholek, auf die Konkurrenz zu Rinteln zurückgeht. Denn als die Eingemeindung ruchbar wurde, habe man sich gesagt, „wir schenken das Geld doch nicht Rinteln“, und flugs sei unter der treibenden Kraft von Bürgermeister Heinrich Prasuhn noch vor der Eingemeindung aus den gebildeten Rücklagen der Bau des Hallenbades begonnen worden, welches schließlich nach der Eingemeindung am 14. September 1974 feierlich eingeweiht wurde. Die Blütezeit der Sommerfrischler war für Steinbergen zu diesem Zeitpunkt schon vorbei. Doch der Wohlstand, den der Fremdenverkehr in den Ort brachte, blieb in guter Erinnerung. Denn während die Männer des Dorfes meist weiterhin einer Arbeit in den heimischen und umliegenden Betrieben nachgingen, kümmerten sich die Frauen um die Gäste und erwirtschafteten dadurch ein nennenswertes Zusatzeinkommen.

Den Höhepunkt hatte dieser Wirtschaftszweig, glaubt man den Nachforschungen von Rita Bothe aus dem Jahr 1957, im Jahr 1939. Im Juli dieses Jahres konnte man mit 812 Kurgästen sogar Bad Eilsen hinter sich lassen. Doch während zwischen den beiden Weltkriegen die Zahl der Fremdenverkehrsbetten stetig zunahm – 1924 gab es 45 Betten, im Jahr 1938 bereits 540 Betten – wurden 1941 alle verfügbaren Betten beschlagnahmt. Die „Focke-Wulf-Flugzeugbau GmbH“ verlegte damals ihre Konstruktionsbüros nach Bad Eilsen und brachte 2000 Arbeiter mit, die in der Umgebung untergebracht werden mussten.

Doch auch nach dem Krieg konnte, so recherchierte Rita Bothe, mit dem Fremdenverkehr nicht nahtlos fortgesetzt werden. Denn die größeren Hotels und Pensionen waren allesamt für die etwa 600 englischen Besatzungssoldaten vorgesehen, und außerdem beherbergte man damals auch 884 Flüchtlingen. So konnte vor Abzug der Engländer im Jahr 1953 von 522 verfügbaren Betten nur 260 an Gäste vermietet werde. Erst nach dem Abzug der Engländer waren 1955 wieder 414 Betten frei, um Kurgäste in den Luftkurort Steinbergen zu laden.

Doch bereits damals machten sich die Motorisierung und der Drang zur Fernreise bemerkbar. Während vor dem Krieg alle Generationen, von 20 bis 60 Jahren zum Urlaub nach Steinbergen kamen, waren es in den fünfziger Jahren hauptsächlich die Älteren. Damit erlosch langsam auch das große Angebot an Feiern und Tänzen in Steinbergen.

Auch das Durchschnittsalter der Wanderer, die von Pacholek im Rahmen der Aktion des TSV Steinbergen „Ein Dorf bewegt sich“ geführt wurde, hatte die 50 deutlich überschritten. Das tat der Freude an dem etwa zweistündigen Ausflug aber keinen Abbruch und bei der gemeinsamen Einkehr im Prinzenhof schloss sich auch Steinbergens älteste Bewohnerin an, die mit 96 Jahren besser zu Fuß war, als manch jüngerer Zeitgenosse.

Hinweis: Die Wanderungen finden an jedem zweiten Freitag im Monat statt. Beginn ist um 14 Uhr bei der Schule. Ansprechpartner ist der Wanderwart des TSV Steinbergen, Karl-Martin Pacholek (05751) 74791

Foto: jak
Die Wanderer machen eine kurze Pause vor der Baustelle bei der Grafensteiner Höh (oben), zwei historische Ansichten zeigen den Blick von der Liegewiese für die Kurgäste auf die Hirschkuppe (r., ungefähr 1940) und das Wesertal (l., 1957).